Richard Scherrer

November 25, 2009

Bringt Wirtschaftswachstum Sicherheit…?

Einsortiert unter: Gedanken zum Zeitgeschehen — Richard Scherrer @ 18:12

Vor Jahresfrist befand sich die Weltwirtschaft in der grössten Krise seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein Jahr später zeigen die wesentlichen Wirtschafts-Indices nach oben. Doch insgesamt fehlt eine weitverbreitete Erleichterung, ob dieser doch so positiven Veränderung. Die Arbeitslosenzahlen sind so hoch wie nie und nach wie vor im steigen. Die Staaten haben sich in astronomischer Höhe verschuldet. Doch der seinerzeit auslösende Bereich des Investment-Bankings zeigte Wachstum. Bedeutende Bonis können wieder ausbezahlt werden. Es scheint, dass es wirtschaftliche Gruppierungen gibt, die bereits wieder unbekümmert florieren, während andere noch weit davon entfernt sind, die Kurve zu kriegen.

David Rothkopf schreibt in seinem Buch Die Super-Klasse, dass diese Erscheinung wohl am besten mit Marktoptimismus beschrieben werden kann. Damit ist gemeint, dass man jedes gesellschaftliche Problem am besten löst, indem man es dem freien Markt überlässt.

  1. Heute, immer nach Rothkopf, steht fest, dass diese Idee viele Fragen offen lässt. Der freie Markt kann wahre Wunder vollbringen. Vom Wachstum, das durch die Öffnung der Märkte geschaffen wurde, haben Milliarden von Menschen profitiert. Doch der Markt hat kein Gewissen. Er kümmert sich nicht um die Kranken, die Alten und die Unausgebildeten. Der Markt strebt nach Effizienz, nach Bündelung von Macht und Ressourcen, wobei die Menschlichkeit nicht selten auf der Strecke bleibt. 
  2. Was der Marktoptimismus ausblendet, sind die Schwächen, die Ineffizienz und Unfähigkeit des Marktes, so etwas wie eine gerechte Gesellschaft hervorzubringen – ein mindestens ebenso wichtiges Ziel wie die Mehrung des Wohlstandes. Die Zauberformel lautet, dass es irgendwann allen besser gehen wird.

Der Blick in unser eigenes Land, in die Welt lässt massive Zweifel an dieser Formel aufkommen. Eher entsteht das Bild, dass es nur einem gewissen Teil von Menschen besser gehen wird, diesem aber markant, während der Wohlstand für den andern Teil der Menschen zerfällt oder gar nie erreicht wird. Dieses Auseinanderklaffen kannten wir bisher vor allem in Ländern mit dynastischer oder kolonialer Vergangenheit. In der Schweiz durften wir stolz sein, dass es in den langen Jahren der Hochkonjunktur, der wirtschaftlichen Prosperität, gelungen ist, eine Solidarität zwischen Arbeitgeberschaft und Angestellten-/Arbeiterschaft herzustellen. Die Anzeichen mehren sich, dass beide Parteien immer weniger dazu beitragen, diesen “Idealzustand” beizubehalten.

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