Wenn ich darüber nachdenke, wie es zu diesem Abstimmungsresultat entgegen aller Prognosen kommen konnte, fallen mir folgende möglichen Argumente ein.
a) die Abstimmungsfrage war schwierig. Wer keine Minarette wollte, musste JA auf den Abstimmungszettel schreiben. Wer den Minaretten gegenüber zustimmend oder gleichgültig gegenüberstand, musste ein NEIN eintragen. Es wird niemand zu behaupten wagen, dass diese aufgrund der Fragestellung notwendige Umdrehung der gefühlsmässigen Meinung, also wer gegen etwas ist, muss JA stimmen und umgekehrt, ohne Auswirkung auf das Resultat war.
b) Die befürwortende Partei, die SVP, hat eine sehr für ihre Zwecke hervorragende Plakatkampagne lanciert. Lange vor der Abstimmung zeigte sie die raketenähnlichen Minarette mit der verhüllten Frau daneben. Logisch, dass auch lange Zeit nur über die dominierenden Minarette gesprochen worden ist. Doch nach einigen Wochen war die Minarettendiskussion erschöpft. Wie alle Umfragen zeigten, war der grosse Teil der Schweizer Bevölkerung der Ansicht, Minarette sind nicht gefährlich, die kann man zulassen. Etwa 10-15 Tage vor der Abstimmung war die Zustimmung für das Verbot bei ca. 34%. Wie diese Diskussion erschöpft war, rückte allmählich die verhüllte Frau auf dem Plakat in den Vordergrund. Da begann etwas ganz Neues. Mann und Frau begann sich zu überlegen, wie eigentlich die Angehörigen des Isalms zu unserem Staat Schweiz stehen. Das kann man einem Volk wirklich nicht verargen, wenn es nun nicht zuerst die anständigen Nachbarn im eigenen Quartier anschaut, sondern sich von den unglaublichen Vorgängen in Libyen beeindrucken lässt oder durch die schwerverständlichen Kämpfe in Afghanistan oder die Vorgänge in Pakistan. Öl ins Feuer gegossen hat zudem eine Person, die das grosse Vertrauen vieler Menschen in diesem Land geniesst, nämlich Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf. Sie fand es richtig, exakt in der letzten Phase des Abstimmungskampfes als schweizerische Justizministerin das Bourka-Problem in die Diskussion zu werfen. Absurd, wenn man bedenkt, wie wenig dieses Erscheinungsbild in unserem Land anzutreffen ist. Effizienter hätte man die verhüllte Frau auf dem SVP-Plakat nicht in den Vordergrund rücken können. Das Unbehagen des Volkes über diese Menschen, die sich so anders Verhalten wuchs schnell. Und der Meinungsumschwung fand in den letzten Wochen vor der Abstimmung statt. Wir können wohl festhalten, das Volk war nicht in der ungeahnten Mehrheit von 57,5% gegen Minarette, sondern gegen die Angst einer zunehmend grösseren Bevölkerungsanteils, der sich – wie es schien – nicht an die Gepflogenheiten ihres Gastlandes anpassen wollten.
c) Im Nachgang sind diverse Umfragen im Ausland durchgeführt worden bei der Bevölkerung direkt. Es hat sich gezeigt, dass diese Angst keine schweizerische Besonderheit, sondern in Europa weitverbreitet ist. In der ARD-Sendung HART aber FAIR sagte den auch ein einfacher Bürger “Ich möchte auch Schweizer sein, weil ich dann auch über solche Fragen abstimmen könnte”. In der gleichen Sendung wurde der anwesende Präsident einer islamischen Vereinigung in Deutschland gefragt, was er denn den Islam-Angehörigen nach dieser Volksabstimmung und den Umfragen in Deutschland als Empfehlung für die Zukunft geben wolle. “Ich werde ihnen sagen, dass wir noch stärker unsere Formen klar machen müssen, dass wir noch stärker daran festhalten und es andern gegenüber klar machen müssen”. Ich weiss nicht, ob das die Konklusion war, die für eine verbesserte Integration einen Ausgang bilden kann. Es wird doch – wie anderswo im Leben – auf beiden Seiten Abstriche erfordern. Das war nicht zu hören.