Richard Scherrer

Dezember 17, 2009

Minarettverbot: Erklärungsbedürftiges

Einsortiert unter: Eindrücke vom Tag — Richard Scherrer @ 22:46

Wenn ich darüber nachdenke, wie es zu diesem Abstimmungsresultat entgegen aller Prognosen kommen konnte, fallen mir folgende möglichen Argumente ein.
a) die Abstimmungsfrage war schwierig. Wer keine Minarette wollte, musste JA auf den Abstimmungszettel schreiben. Wer den Minaretten gegenüber zustimmend oder gleichgültig gegenüberstand, musste ein NEIN eintragen. Es wird niemand zu behaupten wagen, dass diese aufgrund der Fragestellung notwendige Umdrehung der gefühlsmässigen Meinung, also wer gegen etwas ist, muss JA stimmen und umgekehrt, ohne Auswirkung auf das Resultat war.
b) Die befürwortende Partei, die SVP, hat eine sehr für ihre Zwecke hervorragende Plakatkampagne lanciert. Lange vor der Abstimmung zeigte sie die raketenähnlichen Minarette mit der verhüllten Frau daneben. Logisch, dass auch lange Zeit nur über die dominierenden Minarette gesprochen worden ist. Doch nach einigen Wochen war die Minarettendiskussion erschöpft. Wie alle Umfragen zeigten, war der grosse Teil der Schweizer Bevölkerung der Ansicht, Minarette sind nicht gefährlich, die kann man zulassen. Etwa 10-15 Tage vor der Abstimmung war die Zustimmung für das Verbot bei ca. 34%. Wie diese Diskussion erschöpft war, rückte allmählich die verhüllte Frau auf dem Plakat in den Vordergrund. Da begann etwas ganz Neues. Mann und Frau begann sich zu überlegen, wie eigentlich die Angehörigen des Isalms zu unserem Staat Schweiz stehen. Das kann man einem Volk wirklich nicht verargen, wenn es nun nicht zuerst die anständigen Nachbarn im eigenen Quartier anschaut, sondern sich von den unglaublichen Vorgängen in Libyen beeindrucken lässt oder durch die schwerverständlichen Kämpfe in Afghanistan oder die Vorgänge in Pakistan. Öl ins Feuer gegossen hat zudem eine Person, die das grosse Vertrauen vieler Menschen in diesem Land geniesst, nämlich Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf. Sie fand es richtig, exakt in der letzten Phase des Abstimmungskampfes als schweizerische Justizministerin das Bourka-Problem in die Diskussion zu werfen. Absurd, wenn man bedenkt, wie wenig dieses Erscheinungsbild in unserem Land anzutreffen ist. Effizienter hätte man die verhüllte Frau auf dem SVP-Plakat nicht in den Vordergrund rücken können. Das Unbehagen des Volkes über diese Menschen, die sich so anders Verhalten wuchs schnell. Und der Meinungsumschwung fand in den letzten Wochen vor der Abstimmung statt. Wir können wohl festhalten, das Volk war nicht in der ungeahnten Mehrheit von 57,5% gegen Minarette, sondern gegen die Angst einer zunehmend grösseren Bevölkerungsanteils, der sich – wie es schien – nicht an die Gepflogenheiten ihres Gastlandes anpassen wollten.
c) Im Nachgang sind diverse Umfragen im Ausland durchgeführt worden bei der Bevölkerung direkt. Es hat sich gezeigt, dass diese Angst keine schweizerische Besonderheit, sondern in Europa weitverbreitet ist. In der ARD-Sendung HART aber FAIR sagte den auch ein einfacher Bürger “Ich möchte auch Schweizer sein, weil ich dann auch über solche Fragen abstimmen könnte”. In der gleichen Sendung wurde der anwesende Präsident einer islamischen Vereinigung in Deutschland gefragt, was er denn den Islam-Angehörigen nach dieser Volksabstimmung und den Umfragen in Deutschland als Empfehlung für die Zukunft geben wolle. “Ich werde ihnen sagen, dass wir noch stärker unsere Formen klar machen müssen, dass wir noch stärker daran festhalten und es andern gegenüber klar machen müssen”. Ich weiss nicht, ob das die Konklusion war, die für eine verbesserte Integration einen Ausgang bilden kann. Es wird doch – wie anderswo im Leben – auf beiden Seiten Abstriche erfordern. Das war nicht zu hören.

Dezember 16, 2009

Minarettverbot: Erwartetes, nicht Erwartetes

Einsortiert unter: Eindrücke vom Tag — Richard Scherrer @ 22:47

Eine Gedankenauslese rund zweieinhalb Wochen nach der Volksabstimmung.
1. Das Schweizervolk, Männer und Frauen, haben von einen Recht Gebrauch gemacht, dem Initiativrecht, das Ihnen seit mehr als 100 Jahren zusteht. Das Schweizervolk ist das einzige Volk auf diesem Globus, das offen, direkt demokratisch zu einer solchen Frage abschliessend Stellung beziehen kann.
2. Das überraschende Abstimmungsergebnis – es wurde von keinem Meinungsforschungsinstitut, von keiner Partei, am allerwenisten von den Befürwortern der Initiative erwartet – hat gezeigt, dass es weitherum in unserer Staatenwelt Regierungen gibt, für die ein solch Direkt-Demokratischer Vorgang Angstzustände erzeugt, die ein Volks schlichtweg nicht dafür fähig halten, zu komplexen Fragen als oberster Souvrän Stellung zu beziehen. Stellvertretend für zahlreiche Beispiele möchte ich die zwei folgenden anführen: Wofür braucht es dann noch eine Regierung? fragte mich der oberste Kabinettschef eines Ministerpräsidenten? Ferner: Der türkische Ministerpräsident, dem in Europa in weiten Kreisen Wertschätzung entgegengebracht wird, bezeugte seine Unzulänglichkeit im Verständnis für demokratische Vorgänge, in dem er das Minarettverbot als Kampf gegen den Islam deklarierte und sich dazu bereit erklärte, diese seine Interpretation, dem türkischen Parlament persönlich und ausführlich darzustellen. Das dürfte für die Bestrebungen eines Landes, das sich um die Mitgliedschaft der Europäischen Union bewirbt, kaum eine förderliche Aktion gewesen sein.
3. Es muss schliesslich noch die Frage betrachtet werden, die sich viele, vor allem Nichtschweizerinnen und – schweizer stellen, was denn eine solche Massnahme in einer Bundesverfassung zu suchen habe. Es gibt im Rahmen der Volksrechte eben nur die Verfassungsinitiative. Eine Gesetztesinitiative kennt die Schweiz nicht. So kommt es vor, das hin und wieder staatspolitisch wenig bedeutsame Regelungen in der Verfassung ihren Niederschlag finden.
4. Die vom Abstimmungsresultat überrumpelten Gewinner, vertreten durch die SVP, haben sich aufgrund dieses Erfolges und der georteten Ängste des Volks bereits eine weitere Initiative an die Fahne geheftet. Sie wollen eine Volskabstimmung erreichen, bei der dem Volk das Recht eingeräumt wird, in allen Belangen das letzte Wort zu haben, auch dann, wenn es gegen Völkerrecht verstösst. Nun, bleibt zu hoffen, dass das eher die Siegerpose von pubertären Lausbuben ist, anstelle von verantwortungsbewussten Politikern im Jahre 2010.
5. Zu guter Letzt muss ich noch klar stellen, dass ich meine Stimme gegen das Verbot der Minarette abgegeben habe. Ich dachte, ein paar Kirchtürme mehr in der Schweiz können uns nicht gefährlich werden. Das sieht man an den Türmen der katholischen und reformierten Kirchen. Die haben heute keine Bedeutung mehr, ausser einer historischen. Zudem haben wir, Bewohner des christlichen Abendlandes, wenig gute Gründe, mit dem Finger auf Religionsgruppen zu zeigen, bei denen ein gewisses offensives Auftreten bemerkt werden kann. Die Spuren des offensiven Auftretens unserer christlichen Vertreter im Mittelalter sind heute noch weltweit nachzuweisen.

Dezember 1, 2009

Die Übung mit den Minaretten…

Einsortiert unter: Eindrücke vom Tag — Richard Scherrer @ 19:01

Eigentlich, das muss ich gestehen, war ich sehr zufrieden als die Schweizerische Volkspartei die Initiative für ein Bauverbot für Minarette vors Volk brachte. Mit dem gewonnenen weltweiten Ansehen können dem wegen Judengelder- und Steuerhinterziehungs-Diskussionen rapponierten Bild von der Schweiz effizient und unwiderlegbar Gegensteuer gegeben werden. Wir werden der ganzen Welt zeigen, dachte ich, dass das Schweizer ein weises, tolerantes und politisch kompetentes Volk ist. Vor allem “junge” Staaten, die sich davor fürchten oder Staaten, die ein Volk als schlicht unfähig beurteilen, Entscheide des politischen und sozialen Lebens an der Urne zu fällen, würden feststellen, dass ihre Angst unbegründet ist. Doch auch die etabliertere Staatenwelt – häufig mit dynastischer, monarchistischer Vergangenheit – werden sich daran wagen, ihr Volk häufiger an den Entscheidungen für Ihr Land teilnehmen zu lassen. Die Schweiz wird für sie alle ein staunenswertes Vorbild sein.

Wir befinden uns am Tag 2 nach der Volksabstimmung. Der Aufnahme des Bauverbotes für Minerette als Artikel 17c in die Bundesverfassung hat das Schweizer Volk mit ca. 59 % zugestimmt.
In Artikel 17c der Bundesverfassung war vor Jahren das Verbot der Errichtung neuer Bistümer verankert. Im Rahmen diverser Anpassungen unserer Bundesverfassung an die europäische Menscherechtskonvention wurde dieser Artiekl ebenfalls durch eine Volksabstimmung ersatzlos gelöscht. Diese Stelle ist in der Verfassung nun wieder besetzt, durch das Bauverbot für Minarette. Wer hätte das damals gedacht, dass an diese Stelle wieder etwas mit religiösem Hintergrund als Verbot zu stehen käme? Niemand. Wie lange sich dieser neue Artikel 17c wiederum gegenüber der europäischen Menschenrechtskonvention behaupten kann, wird sich in der Zukunft zeigen.

Was ist aus dem Vorbild für andere Staaten geworden? Welche Auswirkungen kann das Ergebnis der Volksabstimmung haben? Was wurde damit für unser Schweizer Volk erreicht oder nicht erreicht. Diesen Fragen nachzugehen lohnt es sich. Es braucht dazu etwas Zeit. Eilige Kurzschlüsse sind nicht angebracht.

November 25, 2009

Bringt Wirtschaftswachstum Sicherheit…?

Einsortiert unter: Gedanken zum Zeitgeschehen — Richard Scherrer @ 18:12

Vor Jahresfrist befand sich die Weltwirtschaft in der grössten Krise seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein Jahr später zeigen die wesentlichen Wirtschafts-Indices nach oben. Doch insgesamt fehlt eine weitverbreitete Erleichterung, ob dieser doch so positiven Veränderung. Die Arbeitslosenzahlen sind so hoch wie nie und nach wie vor im steigen. Die Staaten haben sich in astronomischer Höhe verschuldet. Doch der seinerzeit auslösende Bereich des Investment-Bankings zeigte Wachstum. Bedeutende Bonis können wieder ausbezahlt werden. Es scheint, dass es wirtschaftliche Gruppierungen gibt, die bereits wieder unbekümmert florieren, während andere noch weit davon entfernt sind, die Kurve zu kriegen.

David Rothkopf schreibt in seinem Buch Die Super-Klasse, dass diese Erscheinung wohl am besten mit Marktoptimismus beschrieben werden kann. Damit ist gemeint, dass man jedes gesellschaftliche Problem am besten löst, indem man es dem freien Markt überlässt.

  1. Heute, immer nach Rothkopf, steht fest, dass diese Idee viele Fragen offen lässt. Der freie Markt kann wahre Wunder vollbringen. Vom Wachstum, das durch die Öffnung der Märkte geschaffen wurde, haben Milliarden von Menschen profitiert. Doch der Markt hat kein Gewissen. Er kümmert sich nicht um die Kranken, die Alten und die Unausgebildeten. Der Markt strebt nach Effizienz, nach Bündelung von Macht und Ressourcen, wobei die Menschlichkeit nicht selten auf der Strecke bleibt. 
  2. Was der Marktoptimismus ausblendet, sind die Schwächen, die Ineffizienz und Unfähigkeit des Marktes, so etwas wie eine gerechte Gesellschaft hervorzubringen – ein mindestens ebenso wichtiges Ziel wie die Mehrung des Wohlstandes. Die Zauberformel lautet, dass es irgendwann allen besser gehen wird.

Der Blick in unser eigenes Land, in die Welt lässt massive Zweifel an dieser Formel aufkommen. Eher entsteht das Bild, dass es nur einem gewissen Teil von Menschen besser gehen wird, diesem aber markant, während der Wohlstand für den andern Teil der Menschen zerfällt oder gar nie erreicht wird. Dieses Auseinanderklaffen kannten wir bisher vor allem in Ländern mit dynastischer oder kolonialer Vergangenheit. In der Schweiz durften wir stolz sein, dass es in den langen Jahren der Hochkonjunktur, der wirtschaftlichen Prosperität, gelungen ist, eine Solidarität zwischen Arbeitgeberschaft und Angestellten-/Arbeiterschaft herzustellen. Die Anzeichen mehren sich, dass beide Parteien immer weniger dazu beitragen, diesen “Idealzustand” beizubehalten.

November 24, 2009

Unsere unsichere Zeit…….

Einsortiert unter: Gedanken zum Zeitgeschehen — Richard Scherrer @ 11:13

Viele Menschen, Frauen, Männern, jüngere, ältere, beurteilen die Welt von heute als gefährlicher, bedrohlicher als je zuvor.

  • Wenig bis nichts scheint mehr sicher.
  • Normen sind gefallen.
  • Verhaltensregeln gibt es keine mehr. 
  • Das Gerüst der Religion ist zusammengefallen.
  • Tabus werden beliebig gebrochen. 
  • Richtig ist, was nützt.
  • Das Wohlergehen des Einzelnen hat Vorrang.
  • Gemeinsinn wird durch Egoismus ersetzt. 

Ist das wirklich so?
Unterscheidet sich unsere Zeit von der Zeit unserer Vorfahren?
Was wäre denn der Unterschied? Bin ich, ist die Menschheit in der Existenz stärker bedroht als andere zuvor?
Ist unsere Zeit tatsächlich eine unsicherere Zeit?

Lassen sich zu diesen Fragen Antworten finden? In lockerer Folge will ich dazu Überlegungen anstellen. Antworten werde ich kaum finden, wohl eher neue Fragen aufwerfen. Dennoch lässt es mir keine Ruhe diesen Dingen nachzugehen.

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